Geschichte

Das Familienunternehmen Heinrich W. Pfeiffer e.K. Brennerei und Likörfabrik, gegründet im Jahr 1799, arbeitet heute bereits in der 7. Generation.

IMG_1522 klein

Die 1. Generation: Gründung durch Johann Christian Pfeiffer

Johann Christian Pfeiffer, Sohn eines Schultheißen aus Unterliederbach, zog im Jahr 1783 nach Marburg, wo er als Kellermeister des Herrn von Cronberg neben der Betreuung dessen Weinkellers auch mit dem Weinhandel auf eigene Rechnung begann.

Pfeiffer-Johann-Christian

Johann Christian Pfeiffer

Wir wissen nicht, warum er gerade in Marburg sein Glück suchte, aber möglicherweise hoffte er, vom glanzvollen Hofleben des nicht zuletzt durch den Verkauf hessischer Soldaten im Rahmen des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges reich gewordenen Landgrafen Friedrich II. zu profitieren. Stattdessen geriet er in eine Zeit politischen Umbruchs, aber dennoch bekundet ein handschriftliches Geschäftsbuch erstmals für das Jahr 1799 seine inzwischen hauptberufliche Tätigkeit als Weinhändler.

IMG_1388 (Groß) klein

Erste Dokumente der Firma

Es ist zu vermuten, dass sein Weinhandel in der Stadt trotz der Konkurrenz durch den Deutschen Orden an der Elisabethkirche bei der Versorgung der Bewohner und der durchreisenden Handwerker und Soldaten recht erfolgreich war.

Die 2. Generation: Katharina und Wilhelm Philipp Ludwig Pfeiffer

Nachdem sein Sohn Wilhelm Ludwig Philipp Pfeiffer (1803-1848) die Geschäfte übernommen hatte und den Handel mit der Bewirtschaftung verbinden konnte, ergab sich eine solide Grundlage für die Ehe mit Margarethe Missomelius (1802-1879), der Tochter eines Gastwirts und Bierbrauers aus Marburg-Weidenhausen. Er erwarb das Ausflugslokal „Pfeiffers Garten“, etwa an der Einmündung der Frankfurter Straße in die Schwanallee gelegen, hinzu, und engagierte sich für Angelegenheiten der Bürger rund um den heutigen Rudolphsplatz. Leider ist der dynamische Kaufmann im 46. Lebensjahr früh gestorben. Die Vormundschaft für die beiden Söhne Heinrich Philipp und Justus Wilhelm wurde der Mutter übertragen – so dokumentiert in einem „Special-Vormundschafts-Protokoll“. Margarethe war wohl aus „besonderem Holz“: Es ist überliefert, dass sie allein in Männerkleidung mit dem Pferdewagen nach Straßburg reiste, um dort Branntwein für den Handel einzukaufen und die Geschäfte fortführte, bis die Söhne die Nachfolge antreten konnten.

Philipp Ludwig Pfeiffer

Philipp Ludwig Pfeiffer

Die 3. Generation: Katharina Elisabeth und Justus Wilhelm Pfeiffer

Heinrich Philipp übernahm das „Hotel Pfeiffer“ an der Stelle des heutigen Hotels „Marburger Hof“, während Justus Wilhelm Pfeiffer (1834-1913) zusammen mit seiner couragierte Frau Elisabeth Katharina, geborene Berdux (1835-1902), die Weinwirtschaft „Pfeiffers Garten“, die sich einer wachsenden Beliebtheit bei Marburgs Bürgern erfreute, fortführte. Insbesondere erfuhr „Pfeiffers Garten“ wachsende Beliebtheit bei den Marburger Bürgern. 

Bild 2- Elisabeth Katharina und Justus Wilhelm Pfeiffer

Katharina Elisabeth und Justus Wilhelm Pfeiffer

Die 4. Generation: Frieda und Heinrich Wilhelm Pfeiffer

Aus der kleinen Stadt am Berghang unter dem Schloss, bewacht vom Marburger Nachtwächter und geschützt von einer Stadtmauer, deren Tore des Nachts geschlossen wurden, entwickelte sich fortan das größere Marburg. Elisabeth Katharinas und Justus Wilhelms Sohn Heinrich Wilhelm (1863-1942) übernahm vor der Jahrhundertwende das Geschäft des Vaters und noch heute ist sein Name auch derName der Firma, die den Kräuterlikör „Marburger Nachtwächter“ produziert.

Heinrich Wilhelm Pfeiffer

Heinrich Wilhelm Pfeiffer

Mit Fleiß und kaufmännischer Initiative erweiterte Heinrich Wilhelm mit seiner Ehefrau Elisabeth Louise Friederike, genannt Frieda und geborene Mergell (1894-1958), das Geschäft. Er reiste mit der Postkutsche nach Wien, um die Versektung des Weines zu erlernen, und zog in die Barfüßerstraße 2, um dort die größer gewordene Kellerei unterzubringen. Der alte Brennofen wurde eingebaut und das noch heute konstant aufrecht erhaltene Abfindungsbrennrecht wurde erteilt.

Überdies bot das neue Haus Platz genug für die Großfamilie mit sieben Kindern, Tanten und Großtanten. Nach dem 1. Weltkrieg, eröffnete man „Pfeiffers Weinstuben“ im Erdgeschoss des Hauses Barfüßerstraße 2 als Ergänzung zum Weinhandel und der Brennerei. Frieda, die aus einer hugenottischen Familie stammte, wurde für ihre Bratkartoffeln berühmt und sie war es auch, die mit sparsamer Hand die Wirtschaft führte und Heinrich Wilhelm in allen wichtigen Angelegenheiten beriet.

Die 5. Generation: Grete und Hans Pfeiffer

Im Jahr 1936 übernahm Johannes Heinrich, genannt Hans, Pfeiffer (1907 – 1976) die Geschäfte seines Vaters Heinrich Wilhelm in schwieriger Zeit. Lehr- und Wanderjahre hatten ihn in den 20er-Jahren zur Firma Bettermann in Hagen geführt, dann nach Bordeaux, wo er den Weinbau und Handel mit den edlen Tropfen in allen Facetten erlernte – seine Liebe zu Frankreich blieb ihm lebenslang erhalten.

Hans Pfeiffer

Hans Pfeiffer

Während des Zweiten Weltkriegs war ein Weinhandel kaum möglich, da es allein schon schwierig war, Produkte am Markt zu kaufen. Briefe im Firmenarchiv erlauben beispielsweise einen Einblick in ein langes bürokratisches und letztlich erfolgloses Antragsverfahren „auf Zuteilung von Original-Rum“ durch die Monopolverwaltung „des Beauftragten des Reichsnährstandes für die Trinkbranntweinwirtschaft“ in Berlin. Direkt nach Kriegsende folgten Plünderungen und die Anordnung der Vernichtung der letzten Weinvorräte durch die amerikanischen Besatzungstruppen. Mit der tatkräftigen Hilfe seiner Ehefrau Margarete Elise, genannt Grete und geb. Koch, aus Cappel begann Hans jedoch mit Phantasie und innovativer Tatkraft den Weg in eine neue Epoche.

Der Schriftzug "Marburger Nachtwächter" am oberen Rand einer Litfaßsäule in Marburg, im Hintergrund ist die Alte Universität zu sehen

Der Schriftzug „Marburger Nachtwächter“ am oberen Rand einer Litfaßsäule in Marburg, im Hintergrund ist die Alte Universität zu sehen

Die aufblühende Marktwirtschaft und das westdeutsche Wirtschaftswunder brachten viele Chancen für die fünfte Generation des Marburger Familienunternehmens. Neue Strukturen machten jedoch den traditionsreichen Weinhandel unmöglich und schoben die Herstellung des Kräuterlikörs „Marburger Nachtwächter“ in den Vordergrund.

HWP

Dessen Produktion und die Modernisierung des alten Familienbesitzes erforderten von der Familie und den Kindern, Brigitte, Jutta und Tilman viel Mithilfe, gaben aber auch den Raum, Tradition, Rezepte, Brennerwissen und kaufmännische Tugenden weiterzugeben.

Abfüllung des „Marburger Nachtwächters“ in den 70er-Jahren

Abfüllung des „Marburger Nachtwächters“ in den 70er-Jahren

Neben vielen weiteren interessanten Werbemaßnahmen ist vor allem die finanzielle Förderung der lokalen Luftfahrt in den 50er-Jahren zu nennen: Ein Segelflugzeug vom Typ Scheibe „Specht“, Kennung D-4320, wurde am 10. Juli 1955 auf dem alten Flugplatz Afföllerwiesen von Brigitte Pfeiffer mit einem Glas Kräuterlikör auf den Namen „Marburger Nachtwächter“ getauft. Einige Zeit zuvor war der Schriftzug mit dem Logo des Marburger Kräuterlikörs für 12 Mark von Malermeister Heinrich Block aus Moischt aufgetragen worden. Nach Hans Pfeiffers Tod im Jahr 1976 führte seine Frau Grete die Geschäfte bis zum Jahr 1980 als Inhaberin fort. Sie selbst arbeitete mit ihrem großen Fachwissen bis zu ihrem Tod im Jahr 1988 aktiv in der Produktion des „Marburger Nachtwächters“ mit.

Das Segelflugzeug "Marburger Nachtwächter" auf dem alten Flugplatz Am Afföller in Marburg

Das Segelflugzeug „Marburger Nachtwächter“ auf dem alten Flugplatz Am Afföller in Marburg

Brigitte Pfeiffer tauft das Segelflugzeug mit der Kennung D-4320 am 10. Juli 1955

Brigitte Pfeiffer tauft das Segelflugzeug mit der Kennung D-4320 am 10. Juli 1955

Die 6. Generation: Kirsten Pfeiffer-Ehlebrecht und Tilman Pfeiffer

Nach der Übernahme der Firma Heinrich W. Pfeiffer als 6. Generation im Jahr 1980 hatte Hans und Grete Pfeiffers Sohn Tilman Pfeiffer in Berlin im Institut für Gährungsgewerbe und Biotechnologie ein Destillateurszeugnis erworben. Im Jahr 1988, nach dem Tod von Grete Pfeiffer, die weiterhin täglich in der Produktion gearbeitet hatte, wurde die Herstellung des Kräuterlikörs an einen Lohnhersteller im Marburger Raum ausgelagert. 

023_20 klein

Tilman Pfeiffer (Mitte) mit Brennmeister Jürgen Behlen (rechts) bei einem Brenntag im November 2004

Die 7. Generation: Floriane Pfeiffer-Ditschler und Christoph Ditschler

Ihre Tochter Floriane Pfeiffer-Ditschler ist inzwischen mit Ihrem Ehemann Christoph Ditschler als 7. Generation in das Familienunternehmen aktiv eingestiegen. Beide haben Destillateurszeugnisse an der Lebensmitteltechnischen Fakultät der Universität Hohenheim erworben.

Christoph Ditschler und Floriane Pfeiffer-Ditschler

Christoph Ditschler und Floriane Pfeiffer-Ditschler

Die Abfüllung, Etikettierung und Auslieferung des Kräuterlikörs „Marburger Nachtwächter“ erfolgt inzwischen an einem anderen Ort, doch der Stammsitz in der Barfüßerstraße 2 dient weiterhinder kaufmännischen Leitung, zum Versand von Online-Bestellungen und zu repräsentativen sowie festlichen Zwecken. Die Firma Heinrich W. Pfeiffer unterstützt nicht nur den „Marburger Nachtwächterboten“, sondern auch die beliebten Fahrten des historischen Schlossbusses und die eigene Läufergruppe „Team Marburger Nachtwächter“ beim Marburger Nachtmarathon sowie die „Nacht der verborgenen Geschichte“ in Marburg.  In der historischen Brennerei, die sorgsam bewahrt wird, finden noch immer Brenntage statt, so wurde zuletzt an drei Tagen im Januar 2015 der köstliche Brand aus Apfelwein „1799“ destilliert.

Brenntag

Brenntag